Irgendwo im Nirgendwo - Sambachshof

Fünf Tage lang ohne Netz, Luxus und Facebook, nur um etwas über "Politik" und "Europa" zu lernen. Was für eine Schreckensvorstellung für einen Jugendlichen im Jahre 2012! Zugegeben, die Filme und Vorträge über Politik waren so spannend wie Schule bis 17 Uhr zu haben. Aber es geht vielmehr darum welche Attitüde man zu diesen Themn hat. Es ist schon genug ein wenig über den eigenen Horizont hinauszuschauen und zu versuchen andere Dinge zu verstehen.

Vor allem das Thema "Europa" geht uns alle etwas an. Egal, ob es um Reisefreiheit, studieren in Europa oder Frieden mit den anderen Ländern Europas geht, das hoch komplizierte Konstrukt europäische Union verbessert das Leben jeder/jedes Einzelnen. Ein Beispiel: Wäre es uns allen egal gewesen was nach 1945 aus Europa wird, würden wir in einem Land leben, das immer noch geteilt ist, auf einem Kontinent, der immer noch durch Hass und Gewalt, aus vergangenen Tagen, leidet und in einer Welt, die immer noch in Ost und West geteilt ist. Der europäische Gedanke ist mehr als der Euro oder die Treffen der Regierungschefs.

Der europäische Gedanke ist der Gedanke nach einem Europa ohne Krieg, Hass und Verachtung. Um diesen europäischen Gedanken aufrecht zu erhalten, sind keine Antworten auf politische Fragen notwendig, sondern wir alle sollten uns diesen Gedanken ins Gedächtnis rufen, um so zu handeln, was dieser Gedanke erreichen will.

Der Besuch im KZ Buchenwald war lehrreich, aber so erschreckend wie nur wenig auf dieser Welt. Die grausamen und menschenverachtenden Verbrechen der Nationalsozialisten wurden an verschiedenen Orten im Lager gezeigt. Was jedoch schwer zu verstehen war, waren die Ausmaße dieser Verbrechen in Buchenwald.
Von den vielen Baracken, in denen bis 1945 ca. 250 000 Häftlinge unter inhumanen Bedingungen gelitten hatten, war eine einzige noch übrig. Auch das restliche Areal des Lagers war durch Aufforstung zu einem normal wirkenden Wald geworden.
Eines ist jedoch bis zum heutigen Tag real wie schon damals: Die Kälte. Der kalte Wind, der über die Gedenkstätte weht, tut gut. Er läßt verstehen wie stark alle Häftlinge Schmerzen erleiden mußten. Vor allem während dem stundenlangen Ausharren auf dem Appellplatz. Der Blick stets auf das Eingangstor: "Jedem das seine" steht dort. Nur einer von vielen perversen Gedanken der Nazis.
Gleich hinter dem Zaun des Lagers beginnt eine völlig andere Welt. Eine Welt, in der die Verbrechen und Morde der Nazis zugleich so fern aber auch so nah waren. Die SS-Offiziere, die das Konzentrationslager kontrollierten, lebten mit ihren Familien auch auf dem Gelände des KZs Buchenwald. Manchmal gab es Ausflüge in den Tierpark, um dort etwas zu essen und die Tiere zu beobachten.
Nur ca. 100 Meter weiter starben tagtäglich Menschen, nur weil sie nicht in die rassistische und faschistische Ideologie der Nazis passten. Nur sehr selten waren, in der Zeit der NS-Diktatur, diese zwei Menschengruppen so nah zusammen, wie in Buchenwald.
Was wirklich übrig bleibt aus Buchenwald ist nur eines: Die Hoffnung, darauf, dass es niemals mehr möglich sein wird, dass solche Verbrechen auf der Welt passieren.

Und was wird von dieser Woche im Gedächtnis bleiben? Vielleicht die Einsicht, dass die Probleme, die wir haben, irrelevant und übertrieben sind - im Vergleich zu den Problemen der Juden, Oppositionellen und der vielen anderen Verfolgten zur Zeit des Nationalsozialismus. Vielleicht die Einsicht, dass es sich lohnt für Europa und die damit verbundene Freiheit zu kämpfen.
Letztendlich bleibt es aber die eigene Sache, was im Gedächtnis bleibt und was nicht. Um es zu wissen muss man nur darüber nachdenken und verstehen, was man selbst als wichtig und relevant erachtet.

(Nicolas Allié, Q11)

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