JBG-Schüler zeigen das traurige Ende einer Liebe

Schultheater: Gymnasiasten versetzen Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" in die Gegenwart - Dem Tod entkommen die Helden auch dort nicht
Miltenberg. Luise liebt Ferdinand, Ferdinand liebt Luise - eigentlich die idealen Voraussetzungen für eine Beziehung. Doch Missgunst und die unüberwindbaren Klassengegensätze führen zu Eifersüchteleien und treiben die Liebenden schlussendlich in den Freitod. An Aktualität verliert das Thema der durch äußere Umstände verhinderten Liebe nie, dachten sich die Schüler des Miltenberger Johannes-Butzbach-Gymnasiums.

Sie packten mit Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" einen Klassiker der Epoche des Sturm und Drang an. Die Abiturientin Sandra Meyer hat mit der Leiterin der Theatergruppe, Christiane Kühl, das Stück sprachlich und gesellschaftlich ins 21. Jahrhundert versetzt und adaptiert. Am Mittwoch und Donnerstag führte die Theatergruppe der Unter- und Mittelstufe das Stück unter dem Titel "Die zweite Chance der Luise Millerin" auf. Die Tochter eines "Musikus" zu sein, ist heute kaum ein Grund, als Schwiegertochter abgelehnt zu werden. Ist der Vater aber ein Hartz-IV-Empfänger, die Familie ein Beispiel für das Prekariat, könnten die gesellschaftlichen Konventionen hinter einer klassenübergreifenden Liebe Aufstiegsgelüste einerseits und Gesichtsverlust andererseits erwarten.

Die arme Luise und der reiche Ferdinand lieben einander. Ihr Vater zweifelt an Ferdinands ehrlichen Absichten, sein Vater will nicht, dass sich sein Sohn eine Frau nimmt, die gesellschaftlich unter ihm steht. Dazu hat der hinterhältige Handlager des reichen Vaters ein Auge auf das Luise geworfen, während die reiche, verwöhnte Freundin des Mädchens sich an Ferdinand heranmacht. Schon sind Intrigen und Streit Tür und Tor geöffnet.

30 Schüler wollten mitspielen

"Wenn das Stück im Deutschunterricht behandelt wird, dann ab der zehnten Klasse", sagt Deutschlehrerin Christiane Kühl. "Die meisten Schüler aus der Theatergruppe es also noch gar nicht aus dem Unterricht". Dem Wunsch, beim Stück mitzuwirken, hat das keinen Abbruch getan: Zum Casting im Herbst erschienen 30 Schüler, so dass die beiden Regisseurinnen kurzerhand noch einige Nebenfiguren in das Stück einführten. So konnten zumindest 15 Schüler mitmachen.

Für Zuschauer, die das Schiller'sche Original kennen, haben sich Sandra Meyer und Christiane Kühl noch eine kleine inhaltliche Finte einfallen lassen: Während in der Vorlage Ferdinand verbittert beschließt, sich und seine Geliebte zu vergiften, bittet er in der "Miltenberger Version" Luise um ein Getränk für beide. Doch statt für das bekannte tragische Ende entscheiden sich die Beiden zur gemeinsamen Flucht. Sie entkommen den gesellschaftlichen Konventionen und Intrigen.

Vorerst. Ein glückliches Ende erwartet das Paar nicht - bei einem Flugzeugabsturz kommen die Liebenden um. Bei aller Freiheit, die sich die Regisseurinnen genommen haben, ist also die Schiller'sche Grundintention geblieben: Ein bürgerliches Trauerspiel, bei dem die Betonung auf der Tragödie ruht, die angesichts der widrigen Realität kaum von einem Happyend getragen werden kann.

Mit der Adaption dürften die Regisseurinnen eins ihrer Ziele erreicht haben: Den Schülern einen Zugang zur Literatur zu schaffen, in dem sie die Vorlage aus dem 18. Jahrhundert ins Hier und Jetzt holten. Dass der Weltpremiere und Uraufführung am Mittwoch bereits am nächsten Tag die letzte Vorstellung folgte, ist schade. Wie im vergangenen Jahr schienen fanden wohl viele Schüler und Eltern die Fußballspiele auf europäischer Bühne interessanter als die Aufführung am Gymnasium, so dass viele Zuschauerplätze unverdientermaßen frei blieben.

(Quelle: Bote vom Untermain vom 15.04.2013)

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[Fotos: Bodo Weitz]

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