Exkursion des P-Seminars Biologie
im Juli 2013 auf die Zugspitze

... das Leben in seiner Ursprünglichkeit und Einfachheit erfahren, seine Intensität und Spannung aushalten, hieße das vielleicht - Glück ...

So schreibt es der Schweizer Bergführer und Schriftsteller Werner Munter in seinem Buch "Glückliche Tage auf hohen Bergen" und wir - das P-Seminar Biologie mit seinen acht Schülerinnen und Schülern und den beiden Begleitlehrkräften - stießen auf diese bemerkenswerte Aussage abends in der Reintalangerhütte beim Studium der Hüttenbücher ...

In der Tat, das alles traf auf uns und unsere Studienfahrt zu.

Da wäre zunächst einmal die Ursprünglichkeit:

Eine Studienfahrt aus eigener Kraft hatten wir geplant (Hinfahrt/Rückfahrt mit dem Bayernticket), von Garmisch-Partenkirchen aus zu Fuß durch das von der Partnach durchflossene Reintal aufs Zugspitzplatt, von dort aus zum Gipfel, zurück nach Garmisch ...), nach der Devise "omnia mea mecum porto" - nämlich ordentlich schwerer Rucksack mit allem, was man für eine fünftägige Hüttenwanderung braucht, darin (unter anderem Hartkäse, der spätestens am dritten Tag gehörig müffelt, leicht gammelige Salami, nicht zu vergessen die schon mehrfach getragenen Wandersocken ...), so wie früher in der guten alten Zeit halt ...

Dabei der Natur mit ihren Launen ausgeliefert sein z. B. den sommerlichen Wetterkapriolen mit großer Hitze und Trockenheit, unterwegs auf beschwerlichen Wegen und Steigen im Hochgebirge, dabei die ganze Zeit innerhalb einer Gruppe, die man nicht verlassen kann, mit unserem zentralen Credo: "Gruppeninteresse geht vor Einzelinteresse" - in der individualisierten Gesellschaft heutzutage nicht so oft in der Form anzutreffen wie innerhalb unserer Gruppe während der Zugspitzexpedition.

Von Einfachheit sprach Werner Munter:

Ja, teilweise ging es doch sehr, sehr spartanisch zu auf unserer Expedition. Die Fahrt hinunter ins Werdenfelser Land war ja noch gut zum Aushalten, auch wenn wir andauernd umsteigen mussten. Und das Quartier in der Jugendherberge Burgrain bei Garmisch bot in puncto Verpflegung und Unterbringung einigen, überraschenden Komfort (z. B. konnte man abends auf der Terrasse vor der Unterkunft ein Bier trinken) und teilweise wurde die Einfachheit auch gesucht, z. B. von den Schülerinnen und Schülern, die eine Abkühlung nach der Hitze des Reisetages im eiskalten Bergbach suchten, der am Haus vorbeirauschte.

Das Quartier des Folgetages - das Schachenhaus neben dem berauschend schön gelegenen Schachenschloss des Märchenkönigs Ludwig II. - war schon extrem spartanisch ... fließend (eis-) kaltes Wasser, Dusche Fehlanzeige, Toilette "indisch" (d. h., jenseits des Ganges), das alles war für uns verwöhnte Flachlandtiroler sehr gewöhnungsbedürftig, tat aber der guten Stimmung keinen Abbruch, vor allem, wenn ich an die wunderschöne Sonnenuntergangsstimmung an diesem Abend denke, die wir genießen konnten. Das Matratzenlager, das wir mit zwei älteren Schnarchern teilen mussten, war schon sehr grenzwertig ... Gottseidank hatten sich einige von uns Ohropax besorgt, was wirklich half (auch wenn das Ohropax stellenweise zu Europax mutierte).

Da war's auf den beiden anderen Hütten schon besser, Matratzenlager ganz für unsere Gruppe allein (schade, dass Marco schon am ersten Tag gesundheitsbedingt aufgeben musste und Natalia erst gar nicht wegen einer Verletzung am Fuß mitfahren konnte), Duschen vorhanden, zünftige Abende mit lange nicht mehr gespielten Gesellschaftsspielklassikern wie ‚Jenga-Turmbauen' oder ‚Lügenpasch', Stubenmusi auf der Reintalangerhütte, wirklich ganz einfach mit Hackbrett, Gitarre und Violine, gespielt von den "Reintal-People" (so nennt sich der auf dieser - traumhaft schön am Partnach-Ufer = Partnach-Lido gelegenen - urigen Berghütte arbeitende, freundliche Menschenschlag), und wirklich ganz, ganz einfach (dafür umso teurer) das Frühstück auf der Knorrhütte, unserer letzten Hütte vor dem Gipfelsturm ...

Intensität

Stellenweise kaum auszuhalten, die Intensität, zum Beispiel gleich auf der ersten Etappe vom Olympiastadion Partenkirchen durch die bedrohlich enge, feuchte und laute Partnachklamm über den unendlich mühsamen Kälbersteig zur Schachenstrasse hinauf, bald glüht man am ganzen Körper und das Wasser (zwei Liter musste jeder mindestens tragen!) ist schon verbraucht und keine Quelle am Weg - zu trocken die Witterung der letzten Wochen ... Also gehen drei zum Wasserholen, bewaffnet mit ca. 12 leeren Flaschen und tatsächlich, wie es die Karte anzeigt, ein Bergbach, erst mal getrunken, nichts schmeckt so gut wie klares, kühles Wasser, das durch die ausgedörrte Kehle rinnt und die festgeklebte Zunge löst ...

Oder der Anstieg selbst, mit mindestens 12 Kilogramm Gepäck am Rücken, Schritt für Schritt aufwärts ohne das Ziel näherkommen zu sehen - da kommt der Gedanke auf, sich einfach hinzusetzen und nicht mehr aufzustehen! Sogar die Leistungsstarken geraten da an ihre Grenzen, aber was hilft's? Die Gruppe muss ja weiter ...

Am nächsten Morgen dann der halsbrecherisch steile Abstieg über den stellenweise versicherten Teufelsgsass hinunter ins Oberreintal, eine intensive Erfahrung für alle aus dem Flachland, die es nicht gewohnt sind, ständig den Blick in die Tiefe zu ertragen ...

Oder - zwei Tage später - den Weg über die vielen Schneefelder des Zugspitzplatts von der Knorrhütte nach Sonn-Alpin (Bergstation der Zahnradbahn auf die Zugspitze) zu bewältigen, dann im steten Zickzack die große Schuttreiße, die vom Südwestgrat der Zugspitze neben dem Schneefernerhaus hinunterstreicht, hochzustapfen, immer mehr spürend, dass die Luft dünner wird - immerhin sind wir da schon über 2600 Höhenmeter ... um dann mit Hilfe der Seilversicherungen des Normalanstiegs an der Gratschneide angekommen zwei Kilometer unter sich den Eibsee zu sehen, das raubt einem den Atem ...

Und immer weiter, immer weiter, immer weiter, drei von der Gruppe, die die letzte Etappe mit der Gletscherbahn bewältigt haben, feuern uns schon von oben an, schließlich kommen wir erschöpft oben an und tauchen in Deutschlands höchste Fußgängerzone mit hunderten von Besuchern ein, ich suche schnell ein Plätzchen, wo ich still und heimlich die paar Tränchen trocknen kann, die mir plötzlich in die Augen geschossen sind, so intensiv ist das Gefühl, das lange und sorgsam geplante Ziel mit der Gruppe wohlbehalten erreicht zu haben ...

Das gemeinsame Gipfelfoto und die Brotzeit in Deutschlands höchstem Biergarten gehören genauso zu der Kategorie "intensives Erleben", wie anders wären Bemerkungen wie "ich hab' noch nie so gute Weißwürste oder Kaiserschmarrn gegessen!" erklärbar?

Spannung:

Werde ich das alles überhaupt schaffen?1) Wird das Wetter gut werden?2) Was machen wir bei schlechtem Wetter?3) Wird es unvorhergesehene Zwischenfälle geben?4) Werden wir unsere Reise unfallfrei und gesund durchführen können?5) usw. usw.

Fragen über Fragen, die nicht nur die begleitenden Lehrkräfte in große Spannung versetzen ...

zu 1) Jeder Expeditionsteilnehmer musste sich in die entsprechende körperliche Verfassung bringen und eine geeignete Ausrüstung zusammenstellen; dazu trugen zwei Trainingswanderungen bei, bei denen 12 und 15 km mit ca. 10 Kilogramm Gepäck zurück zu legen waren ...

zu 2) und 3) Was ist schon gutes Wetter, zu große Hitze und Trockenheit setzen dem Körper auch enorm zu, insgesamt kamen wir gut mit den herrschenden Wetter-verhältnissen zurecht und konnten uns am dritten Tag abends (Regenschauer auf der Reintalangerhütte kurz nach dem Eintreffen an der Hütte) und am vierten Tag nachmittags (schnell aufziehendes Gewitter während des Spazierganges von der Knorrhütte übers Zugspitzplatt zum Gatterl) durch schnelle Flucht in die wohlige Wärme der Hütte in Sicherheit bringen ...

zu 4) und 5) Die hervorragende Stimmung in der Gruppe, die gegenseitige Unterstützung, das ständig spürbare Bemühen, sich dem Gruppeninteresse unterzuordnen ließ für Auseinandersetzungen untereinander keinen Raum, zudem blieben wir von Un- und anderen Zwischenfällen verschont - schließlich hatte die Gruppe ja schon im Vorfeld mit zwei Ausfällen genügend Pech!

So fiel die Anspannung nach Erreichen des Gipfels von uns allen spürbar ab, machte sich in großer Müdigkeit während der langen Talfahrt mit der Zahnradbahn bemerkbar und endete in einem geruhsamen Nachmittag in Garmisch und einer gemütlichen Nacht im Zug Richtung Heimat ...

Glück

Werner Munter meint hiermit sicherlich auch die Glücksgefühle, die den Menschen durchströmen, wenn er ein lange angestrebtes und herbeigesehntes Ziel endlich erreicht hat, wie eben beim Bergsteiger, wenn er am Gipfel angekommen ist ...

Die Gruppe hatte aber auch Glück! Glück mit dem Wetter und der Gruppen-Zusammensetzung beispielsweise; es ist ja beileibe nicht selbstverständlich, dass Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern - ja, wirklich auf engstem Raum, wenn ich an das Matratzenlager auf der Knorrhütte denke - sehr, sehr nah zusammenrücken (müssen), um ihr Ziel zu erreichen.

So ging eine einzigartig beglückende "Klassenfahrt" zu Ende, die für uns Lehrer sicherlich einen Höhepunkt in der Karriere darstellt.


Nachbemerkung:

Diese Fahrt war das Projekt des P-Seminars Biologie "Planung und Durchführung einer Exkursion ins Reintal bei Garmisch-Partenkirchen". Im Lauf der Vorbereitungen nahm die Wanderung selbst mit den geschilderten Ereignissen einen immer breiteren Raum ein, während die fachlichen Ziele - Beschäftigung mit der Biologie und Geologie eines einzigartigen Ökosystems in den Hintergrund traten. So wurde die Fahrt mehr und mehr zu einer Art Selbsterfahrungsreise im Rahmen einer Gruppe, bei der dann doch wieder biologische Aspekte - z. B. die physische und psychische Belastbarkeit während einer mehrtägigen Wanderung innerhalb einer Gruppe zum Vorschein kamen.

Insofern kann das Fazit gezogen werden: "Ziel des Projektes voll erreicht".

Mein Dank gilt allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dieser Fahrt



Cedric Ackermann - Sebastian Berberich - Carolin Eckert - Theresa Fieger - Daniel Hock - Franziska Schmid - Jannik Schnellbach - Niklas Stapf

Insbesondere aber meiner Kollegin Melanie Raab!


Im Folgenden sind nochmals unsere Wanderungen chronologisch aufgeführt:

1. Partenkirchen (Olympiastadion) - Schachenhaus (mind. 7 h)

2. Schachenhaus - Reintalangerhütte (mind. 6 h)

3. Reintalangerhütte - Knorrhütte (ca. 4 h)

4. Knorrhütte - Zugspitzgipfel (ca. 6 h)


(Ekkehart Schaefer)

[Startseite]