Zwischen Schreckensherrschaft und Friedensprojekt -
Die Q11 beim Europa-Planspiel Polis

Wie krumm darf eigentlich eine Gurke sein? Welchen Durchmesser muss eine Pizza Napolitano mindestens aufweisen? - Angesichts solcher Diskussionsthemen, die tatsächlich im Rat der Europäischen Union auf der Tagesordnung standen, und beispielweise dem Verbot der Glühbirne ist das Bild der EU, das hierzulande gezeichnet wird, - auch befeuert durch die Medien - eines mit den verschiedensten Schattierungen von Spott und Unverständnis. Dass der Alltag der "Bürokraten von Brüssel" jedoch auch andere Seiten birgt, durfte die 11. Jahrgangsstufe auf ihrem politischen Bildungsseminar "Polis" vom 31.03.2014 bis 04.04.2014 in Bad Kissingen erfahren. Im Mittelpunkt des Projektes stand ein Planspiel zur Außen- und Sicherheitspolitik im Rat der Europäischen Union sowie das Thema Menschenrechte, in dessen Rahmen auch eine Exkursion ins Konzentrationslager Buchenwald stattfand.

Da zumeist das Wissen über die EU skurrile Beschlüsse und Begrifflichkeiten aus den Nachrichten nicht übersteigt, begann das Seminar nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der EU, die 1951/52 mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihren Anfang hat, mit einer Einführung in die Institutionen der EU. So existiert eben ein Unterschied zwischen dem Europäischen Rat und dem Rat der Europäischen Union; letzterer sollte Thema der nächsten beiden Tage sein. Der nachgestellte Rat der Außenminister wurde mit einem aktuell kontrovers diskutierten Thema konfrontiert, nämlich Migration und Flüchtlingsaufnahme am konkreten Fall eines unzählige Menschen umfassenden, afrikanischen Flüchtlingszuges, der sich seinen Weg nach Spanien bahnt. Daraufhin waren die Delegationen der Mitgliedsstaaten aufgefordert, in einer Statement-Runde im Plenum ihre Standpunkte darzulegen. Hier zeigte sich sehr wohl ein vorhandenes Bewusstsein über die schwere Bürde des kolonialen Erbes und der daraus abgeleiteten Pflicht zur Hilfe, obgleich Uneinigkeit über deren Gestalt herrschte. Bei einer anschließenden Diskussion über finanzielle Hilfen, die Aufnahme von Flüchtlingen oder Bereitstellung humanitärer Hilfen im Ursprungsland der Probleme wurde bereits bei vielen ein Verständnis für die Langwierigkeit der gemeinsamen Ausarbeitung von Lösungsstrategien in der EU generiert. Trotz der divergierenden Vorstellungen, die ungeachtet der dem Planspiel zugrundeliegenden Fiktion sehr entschieden und lebhaft vertreten wurden, war man sich im nachgespielten Rat jedoch darüber einig, dass ein gemeinsamer Plan entwickelt werden muss. Dies geschah am darauffolgenden Tag, als konkrete Ansätze von Arbeitsgruppen vorgebracht wurden. Doch trotz der gemeinsamen Ausarbeitung musste wiederum festgestellt werden, dass keine Lösung gefunden werden konnte, die es vermochte, alle Delegationen zufriedenzustellen. Zuletzt wurden die aus dem Europa-Planspiel gewonnenen Eindrücke ausgetauscht. Bei dieser Aussprache bezeugten viele Schüler, dass das Projekt ihr Interesse für Politik - und Europapolitik im Besonderen - gesteigert und das Urteilsvermögen für internationale Beziehungen und politisches Handeln geschärft habe. Abgerundet wurde dieser erste Teil des Seminars mit dem Vortrag eines Jugendoffiziers der Bundeswehr, der den enormen Stellenwert der Außen- und Sicherheitspolitik auch anhand von persönlichen Erlebnissen aus dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan unterstreichen und den Schülern nahelegen konnte.

Wie sehr die Europäische Union als Wertegemeinschaft und Stabilisator des Friedens zu schätzen ist, wurde am vorletzten Tag der Fahrt mit einer Exkursion ins Konzentrationslager Buchenwald eindrucksvoll verdeutlicht. Vorbereitend erfolgte bereits am Abend zuvor eine Filmvorführung, die thematische Inhalte vermitteln sollte, sodass zu Beginn ein selbstständiger Besuch der Ausstellungen zum KZ, aber auch zum Speziallager 2 möglich war. Denn der Ettersberg blieb auch über den Zeitraum von 1937-1945 hinaus ein Ort der vollständigen Entwürdigung des Menschen und eine Stätte der Zermürbung und Vernichtung. So fungierte das Gelände von 1945-1950 als Lager der sowjetischen Besatzungsmacht zur Internierung von Deutschen - vorrangig von lokalen Funktionsträgern der NSDAP, aber auch Jugendlichen und Denunzierten. Hier wurde ohne rechtsförmiges Verfahren für 28.000 Insassen jeglicher Kontakt nach außen unterbunden, über 7000 von ihnen starben an den Folgen von Hungerskrankheiten. Die Auflösung dieses Lagers erfolgte erst 1950, kurz nach Gründung der DDR, durch die Sowjets.

Im Mittelpunkt der anschließenden Führung stand jedoch die Zeit des Konzentrationslagers. Bei einer Führung konnten die Schüler den Ablauf der Masseninhaftierungen angefangen vom "Karacho-Weg", der die Häftlinge zu ihrer Kategorisierung und Zuweisung der Nummer, die fortan ihre Identität ersetzte, trieb, bis hin zum Desinfektionsgebäude sehr gut nachvollziehen. Dabei wurde den Häftlingen der Grad ihrer Wertschätzung immer wieder offenbar durch die am Eingangstor angebrachte Aufschrift "Jedem das Seine" - besonders erschütternd und zynisch wirkte diese Parole beim Blick auf den für die SS-Offiziere errichteten Zoo, der sich nur Meter vom umzäunten und mit bewaffneten Aufsehern und Kampfhunden bewachten Häftlingsbereich befand und den Tieren ein besseres Leben bot, als es die inhaftierten Menschen hatten. In der Zeit zwischen 1937 und 1945 waren dies insgesamt 250.000: politische Gegner, Sinti und Roma, Homosexuelle, Juden. Gezwungen zur Arbeit in benachbarten Betrieben der deutschen Rüstungsindustrie starben 56.000 von ihnen. Als schrecklicher Höhepunkt der Führung auf dem Gelände entpuppte sich der Blick auf die im Originalzustand befindlichen Öfen im Krematorium, wo teilweise mehrere Menschen auf einmal verbrannt wurden, und jeglicher Grad an Pietät ausgeschaltet war. Ein weiteres Mal äußert sich hier die Profitgier der Nationalsozialisten, die willkürlich eingesammelte Asche den Hinterbliebenen eines verstorbenen Häftlings als dessen Überreste teuer verkauften. Die Häftlingsbaracken, in denen einst unmenschliche Bedingungen herrschten, stehen heute nicht mehr, nachdem die Sowjets später Spuren verwischten. Dass die Uhr am Eingang zum Häftlingsbereich auf 15:15 Uhr steht, zeugt von der Befreiung des Lagers und der Beendigung der Humiliation, die sich nur unweit der Kulturstadt Weimar und ihren ahnungslosen Einwohnern abspielte, durch die Amerikaner im Jahre 1945. Die Führung endete schließlich an einer auf 37,5°C beheizten Metallplatte, die das Bewusstsein generieren soll, dass auch die Häftlinge entgegen der Ideologien im Nationalsozialismus und Stalinismus Menschen waren - und unser aller Bestreben die Wahrung ihrer Würde sein muss.

Nachdem den Schülern so auf eindrucksvolle, bedrückende Weise die Schattenseiten unserer europäischen Geschichte vor Augen geführt wurden, stand am letzten Tag des Seminars nochmals kontrastierend die europäische Gemeinschaft als Friedensprojekt im Mittelpunkt - nämlich durch die Thematisierung ihrer obersten Maxime, der Menschenrechte. So konnte die gesamte Jahrgangsstufe aus der Polis-Fahrt wertvolle Erfahrungen schöpfen und das Bewusstsein unserer Verantwortung stärken - der politischen, aber auch der historischen.

Marco Bretzigheimer, Q11
Fabian Schuch, Q11



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(Fotos: Werner Kimmel)

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